Constantin von Oesterreich und Stefan Ermisch im Gespräch

Beginn einer neuen Zeitrechnung

Im Oktober 2015 hat die EU-Kommission nach gut zwei Jahren intensiver Prüfung im Beihilfeverfahren gegen die HSH Nordbank grünes Licht gegeben. Was bedeutet diese Entscheidung für die Bank?

Foto: Vorstandsinterview

Constantin von Oesterreich: Sie schafft Klarheit, Planungssicherheit und bietet mit dem im Jahr 2018 angestrebten Eigen­tümerwechsel eine klare Zukunftsperspektive. Alle, unsere Kunden, Investoren und Ratingagenturen, aber auch unsere Kolleginnen und Kollegen wissen nun, woran sie sind.

Stefan Ermisch: Ich halte den Eigentümerwechsel für eine große Chance. Wir haben nun die Möglichkeit, zumindest Teile unserer Altlasten zu veräußern und gegen die bestehende Garantie abzurechnen. Gleichzeitig sinken die ­Garantieprämien im operativen Teil der Bank von vier auf 2,2 Prozent auf den nicht beanspruchten Teil der Garantie. Das schafft eine spürbare Entlastung für die Zukunft.

Sind Sie auch mit den Details der EU-Entscheidung ­zufrieden?

Stefan Ermisch: Die Entscheidung ist ein politischer Kompromiss. Zwar wird die Bank um einige Altlasten aus den Jahren vor 2009 erleichtert, aber es verbleibt immer noch ein beachtlicher Teil des alten und ungesunden Geschäfts im Haus. Das macht es nicht einfacher – das sehe ich ganz realistisch. Zumal die endgültige Entscheidung vom Mai 2016 in einigen Teilen vom ursprünglich in Aussicht gestellten Ergebnis vom Oktober 2015 abweicht – und zwar eher zu unseren Ungunsten.

 

Mit dem Warten auf die EU-Entscheidung war Unsicherheit verbunden. Wie hat sich das auf die Geschäfte im Jahr 2015 ausgewirkt?

Constantin von Oesterreich: Kunden und Investoren mögen keine Unklarheit. Das wissen wir, das haben wir gespürt. Die Monate vor der EU-Entscheidung haben uns Geschäft gekostet. Nachdem wir grünes Licht aus Brüssel hatten, haben die Abschlüsse deutlich angezogen. Das vierte Quartal war vergangenes Jahr bei weitem das stärkste. Die Bank muss nun weiterhin im Wettbewerb überzeugen. Dabei sind wir auf einem guten Weg. 2015 liegen wir beim Gesamtertrag über Plan und haben unsere Kosten im Griff.

 

Trotz dieser schwierigen Rahmenbedingungen präsentiert die HSH Nordbank für 2015 einen ansehnlichen Gewinn. Das Ergebnis vor Steuern liegt bei 450 Millionen Euro. Wie kommt das zustande?

Stefan Ermisch: Wir sehen in der Bilanz 2015 starke positive Effekte aus der EU-Entscheidung. Bisher hatten wir sehr hohe Rückstellungen für künftige Prämienzahlungen gebildet. Davon entfällt nun ein Großteil, was für 2015 per saldo eine einmalige Entlastung von gut 650 Mio. Euro ausmacht. Zum anderen ­haben wir in der Kernbank solides Neugeschäft mit ordentlichen Margen und einem verbesserten Cross-Selling erzielt. Das war nur mit einer gemeinsamen Kraftanstrengung möglich. Dafür möchte ich den Kolleginnen und Kollegen herzlich danken. In der Bilanz zeigt sich an unseren soliden Kapitalquoten auch, wie stabil die Bank mittlerweile ist. Das ist positiv. Aber dennoch dürfen wir nicht vergessen: Das Ergebnis ist nur aufgrund von Sondereffekten positiv ausgefallen.

 

Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Stefan Ermisch: Wir dürfen uns nicht auf dem Erreichten ausruhen. Stillstand bedeutet das Ende. Es muss unser Ziel sein, einem neuen Eigentümer eine hervorragende Basis, das heißt eine leistungsstarke Organisation, zu übertragen.

 

Was ist dabei besonders wichtig?

Stefan Ermisch: Wir müssen unsere Kapitalbasis im Blick halten und unsere Effizienz weiter verbessern. Da der Wettbewerb aktuell sehr hart ist, müssen wir die Kosten weiter senken, selbst wenn das mit Einschnitten verbunden ist. Das ist schmerzhaft, aber nicht zu vermeiden. Darüber hinaus braucht die Bank – wie jede andere auch – effiziente und belastbare Prozesse im Vertrieb wie in der Marktfolge sowie eine hohe Umsetzungsgeschwindigkeit. Das wiederum setzt klare, saubere Entscheidungswege voraus. Wir arbeiten daran, operativ noch stärker zu werden. Das ist enorm wichtig, denn jetzt schaffen wir die Basis dafür, dass ein neuer Eigentümer das Potenzial der Bank unter dann befreiten Rahmenbedingungen voll zur Geltung bringen kann. Wir arbeiten jetzt am zukünftigen Erfolg der Bank.

 

Die Vereinbarung mit der EU-Kommission sieht vor, dass die HSH Nordbank Assets im Wert von zunächst 5 Milliarden Euro an die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein übertragen darf. Wie weit ist dieser Prozess?

Stefan Ermisch: Die Länder haben in Kiel die „hsh portfoliomanagement AöR“ gegründet, auf die Assets übertragen werden können, und sie haben alle weiteren Voraussetzungen für diese Transaktionen geschaffen. Geplant ist, die Assets im Sommer 2016 zu transferieren. Dabei handelt es sich um NPL-Portfolios aus dem Bereich Shipping, die zum „Marktwert“ übertragen und gegen die Garantie abgerechnet werden. Da es für diese schwer beschädigten Assets keine liquiden Marktpreise gibt, hat die EU-Kommission durch einen von ihr beauftragten Gutachter sogenannte beihilferechtlich neutrale Übertragungspreise festgelegt und diese als Marktpreise bezeichnet.

 

Die HSH Nordbank darf weitere Assets im Wert von 3,2 Milliarden Euro zu Marktpreisen verkaufen. Wie weit sind die Planungen?

Constantin von Oesterreich: Die betreffenden Assets sind identifiziert. Sie kommen nicht nur aus dem Shipping, sondern auch aus anderen Bereichen. Mit dem Verkauf haben wir mehr Zeit. Unser oberstes Ziel ist es, angemessene Preise zu erzielen. Es gibt Investoren, die bereit sind, gewisse Risiken einzugehen, wenn sie die Chance auf eine gute Rendite sehen.

Wie bewerten Sie die Aussichten für die geplante ­Privatisierung der HSH Nordbank?

Constantin von Oesterreich: Ich war immer überzeugt, dass die HSH Nordbank privatisierungsfähig ist. Auch wenn die EU-Entscheidung für uns nicht optimal ausgefallen ist – die Bank hat jetzt eine Chance. Diese wird sie nutzen.

 

Was ist mit dem Bereich Shipping, der zuletzt stark unter den Überkapazitäten bei Schiffen gelitten hat?

Stefan Ermisch: Das Shipping wird 2018 um viele Altlasten ­befreit sein. Dennoch werden die Altlasten das Ergebnis der Bank weiter belasten. Wir gehen von einem jährlichen Minus von etwa 200 Millionen Euro aus. Das ist der Preis für die vergleichsweise geringe Entlastung. Der Eigentümerwechsel wird dadurch erschwert – beziehungsweise der Preis gedrückt.

 

Wie beurteilen Sie das Potenzial des gesunden Teils der Bank?

Stefan Ermisch: Das Ergebnispotenzial des gesunden Teils der Kernbank dürfte bei jährlich rund 300 Millionen Euro vor Steuern liegen. Langfristig kann der neue Eigentümer die Stärken der Bank weiter ausbauen, auch weil er – anders als die HSH Nordbank jetzt – keinen geschäftlichen Restriktionen unterliegen wird. Insgesamt ist die HSH Nordbank klug und ausgewogen aufgestellt. Sie verfügt über eine starke Marktstellung, gut funktionierende Prozesse und ebenso kompetente wie motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Diese Kombination ist für Investoren interessant. Die Bank hat eine sehr gute Position im Norden Deutschlands und ist auch im übrigen Bundesgebiet präsent. Gerade die Metropolregion um Hamburg ist wirtschaftlich sehr stark. In Bereichen wie Immobilienkunden, Energie & Versorger und Unternehmenskunden verfügt die Bank über eine exzellente­ Marktstellung. Mit den Bereichen Capital Marktes, Wealth Management und Transaction Banking unterstützen wir unsere Kundenaktivitäten sinnvoll.

 

Wer kommt als Käufer für die HSH Nordbank infrage?

Stefan Ermisch: Zunächst ist eines wichtig: Kreative Lösungen sind gefragt und deshalb ist aus meiner Sicht vieles denkbar: Das beginnt beim Einstieg eines strategischen Investors, geht über einen Börsengang bis zum Einstieg einer anderen Landesbank, die ihr Geschäft erweitern oder abrunden will. Im Übrigen sei daran erinnert: Auch nach 2018 dürfen die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein vier Jahre lang bis zu 25 Prozent an der Bank halten.